13.2.2009
Lob des Tages vor dem Abend
Freitag, der 13. Erstmals seit zwei Wochen ist der Himmel über Val d’Isère wolkenlos. Es lohnt sich früh aufzustehen. Die Baguette ist wie immer frisch und knusprig. Um zehn Uhr beginnt der erste Lauf des Riesenslaloms, da liegen noch ein paar Schwünge drin, 13 Mal links, 13 Mal rechts und dann alles wieder von vorn. Das Thermometer bei der Talstation zeigt um 13 vor neun minus 13 Grad an, die gefühlte Temperatur auf der Piste ist doppelt so tief. Nach nur 13 Sekunden forscher Fahrt sind 13 Millimeter Ohrläppchen tiefgefroren. Die Piste ist frisch gefräst und gewalzt, ein Teppich mit 13 Millimeter „Geiferli“ drauf, noch ohne Spur. Und neben der Piste lässt sich auch noch eine Restmenge zerfurchbarer Pulverschnee finden.
Im ersten Lauf des Riesenslaloms fährt Carlo Janka ähnlich locker wie ich auf dem Teppich, ein bisschen schneller sogar. Die Tore scheinen genau dort zu stehen, wo er sowieso durchfahren würde. Er fährt mit seinen ein Meter und sieben mal 13 Zentimeter langen Ski (rechne!) überlegen Bestzeit. Benni Raich liegt als Zweiter fast zweimal 13 Sekunden zurück. Mit 1,13 Sekunden Rückstand ist Didier Cuche als Vierter in Lauerstellung, Marc Berthod liegt bei seinem Comeback auf dem 13. Zwischenrang. Thomas Fanara mit der Nummer 13 scheidet 13 Tore vor dem Ziel aus.
Zur Mittagszeit sind alle Fernsehgeräte im Pressezentrum auf SF 2 eingestellt. Die Pressekonferenz aus Innsbruck wird direkt übertragen. Um 12 Uhr 13 teilt uns die Ärztin das mit, worauf wir so lange gewartet haben. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wird Daniel Albrecht von bleibenden Schäden verschont bleiben.
Was immer heute, am Freitag den 13 noch passiert. Um 13 Uhr 13 mache ich etwas, das man nicht tun sollte. Ich lobe den Tag schon vor dem Abend. Und diesmal sogar schon vor dem zweiten Lauf.
Autofreies Verkehrschaos
Gemeinsam und solidarisch für die Umwelt und für Savoyen – so werben die Busse in Val-d’Isère. Permanent fahren sie zwischen Bourg Saint Maurice im Tal und der Skistation hin und her, im Zehn-Minuten-Takt kreiseln sie vom Hauptort in den Nebenort La Daille. Das funktioniert wunderbar, und deshalb schwärmten die Veranstalter schon lange vor dem grossen Anlass von einer „autofreien WM“. Man werde den privaten Autoverkehr rigoros fern halten, nur ein ganz erlesener Personenkreis werde eine Durchfahrtsbewilligung erhalten.
Dummerweise ist der Franzose auch ein gutmütiger Mensch. Und deshalb bekommt offenbar jeder eine solche Bewilligung, der einen Fahrausweis hat, oder der jemanden kennt, der einen Fahrausweis hat, oder der zumindest ein Auto von einem Baum unterscheiden kann. Denn Val-d’Isère präsentiert sich manchmal wie die Zürcher Kasernenstrasse wenn im Aargau Feiertag ist.
Dabei kommt erschwerend hinzu, dass die Strassen hier komplett vereist sind, und die Gemeindeverwaltung offenbar den Kies nicht mehr findet. Dass nicht gestreut wird, das ist in Ordnung (siehe Umwelt und Savoyen und so), dass aber gar nichts mehr gemacht wird, das ist erstens erstaunlich, zweitens gefährlich, weil die meisten Menschen hier so Auto fahren wie sie auch auf den Ski unterwegs sind – zu schnell, zu unkontrolliert.
Der schlichte Fussgänger läuft also Gefahr, auf blankem Eis wegzurutschen, und sprichwörtlich unter die Räder zu kommen. Allerdings empfiehlt sich in diesen Tagen ein Spaziergang nur bedingt. Denn meist stinkt es nach Abgasen.
11.2.2009
Feiern mit Papa Svindal
Die Österreicher feiern, auch wenns nichts zu feiern gibt. „Geht’s gut, trinkt man gerne einen, geht’s nicht gut, dann erst recht“, lautet das Motto, und so rentiert es immer, im „TirolBerg“ vorbeizuschauen, dem offiziellen Haus des ÖSV in Val-d’Isère.
So zum Beispiel wenn Hans Knauss seinen Geburtstag feiert. Da geht es besonders hoch zu und her, und der Jubilar lässt sich auch nicht von lieben Gewohnheiten abbringen, wenn ihm der Gastgeber sagt: „Stell jetzt endlich das blöde Bier weg, wir haben ausgezeichneten Wein.“
An solchen Abenden zeigt sich auch immer wieder die Verbundenheit der Skifamilie, über Grenzen und Marken hinweg. Rainer Salzgeber machte es sich auf dem Sofa bequem, ehe er als Head-Rennchef dem Fischer-Angestellten Knauss gratulierte. Die Italiener Peter Fill und Nadia Fanchini kamen zu den Österreichern, um den Hals ihre Medaillen, im Schlepptau Teamkollege Christoph Innerhofer. Der hatte zuvor in der Casa Italia ein rundes Holzbrett hochgehalten, „das ist die Medaille für meinen vierten Rang“, rief er. Der propere Südtiroler fand dermassen Gefallen an dieser Idee, dass er das Holzbrett auch im TirolBerg noch stolz herum zeigte.
Als der Abend immer später wurde, tauchte schliesslich Björn Svindal auf. Der Vater von Aksel war nach dessen WM-Titel in der Super-Kombi gar nicht mehr zu halten, er tanzte so schwungvoll und energisch wie alle River Dancer zusammen. Spätestens jetzt war klar, woher Aksel die Geschmeidigkeit in den Beinen hat. Am Tisch sass Björn neben dem Vater von Kathrin Zettel, immer wieder lagen sich die beiden in den Armen, ihre Kinder hatten die Super-Kombi gewonnen, was will man mehr.
Man mag gar nicht daran denken, was im TirolBerg los wäre, wenn das Männerteam mal eine Goldmedaille gewinnen würde. Na ja, vielleicht in zwei Jahren in Garmisch wieder.
10.2.2009
Jedes Tor zählt
Es gibt Kollegen, die freuen sich, dass es am Ruhetag hier in Val d’Isère schneit und stürmt. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das nachvollziehen. An der Solaise hat es riesige Pulverhänge, denen 20 cm Neuschnee nicht schaden würden. Allerdings müsste sich der Wind legen.
Doch den Kollegen geht es um etwas anderes. Sie freuen sich schon im Voraus, dass der Schneesturm ein Opfer fordern könnte: Der Team-Event, der auf Mittwoch angesetzt ist. Für sie ist er eine unnötige Erfindung, künstlich und überflüssig.
Mir gefällt der Mannschaftswettbewerb. Und dies nicht nur, weil wir die Chance haben, hier eine weitere Medaille zu feiern. Wenn aus Einzelsportlern Mannschaften werden, hat das seinen besonderen Reiz. Da genügt es nicht, zu beteuern, die Teamkollegen seien auch Freunde und die Stimmung in der Mannschaft sei glänzend. Der Tatbeweis wird verlangt: Jeder und jede muss Einsatz und starke Nerven zeigen für den Erfolg des Teams.
Es gibt andere Einzelsportarten, bei denen die Athleten das längst verinnerlicht haben: Wie schön war doch damals die Bronzemedaille der Langlaufstaffel von Sapporo, wie leiden wir mit, wenn Roger Federer als halbe Schweiz Daviscup spielt, wie Nerven aufreibend sind Nationenpreise im Reiten, wenn jeder den Fehler des andern gutmachen kann.
«Ich mache gerne Mannschaftssportarten», sagt etwa Fabienne Suter, «deshalb freue ich mich auf den Team Event.»
Wir sind auf sie angewiesen. Jedes Tor zählt. Noch nie war die Chance so gross, die Österreicher zu bezwingen.
08.2.2009
Als Blogs noch Tagebuch hiessen
Es war ein denkwürdiger Tag, vor ziemlich genau 25 Jahren im friedlichen Sarajevo. Bosnien gehörte damals noch zu Jugoslawien und ein Blog hiess noch Tagebuch und war bei Grossanlässen eine gern gelesene Rubrik im Tagi. Da konnten wir so richtig hinter die Kulissen leuchten.
Es war der Tag als Max Julen, der begnadete Techniker, Olympiasieger im Riesenslalom wurde. Ihn hatte nicht beeindruckt, dass ihn 30 000 Zuschauer auspfiffen, weil sie den Slowenen Jure Franko, der damals wie die Bosnier ein Jugoslawe war, siegen sehen wollten.
Weil Max Julen nie viel sagte, pflegten wir unsere Informationen über den Zermatter bei seinem Bruder Franz zu holen. Der war nicht nur Servicemann, sondern auch Mädchen für alles inklusive Pressesprecher. Als Julens Sieg feststand, verpflichteten wir Franz als Tagebuchschreiber. „Der Tag danach“, ein brillantes Thema. Auf 14 Uhr verabredeten wir uns. Doch Franz kam nicht. Das Handy war noch nicht erfunden, und am Zimmertelefon meldete er sich nicht. Es hätte auch nichts gebracht, wenn wir ihn aufgestöbert hätten. Sein Tagebuch wäre eine Comic-Sprechblase geworden mit ein paar Sternen, einem brummenden Bär und vielen Fragezeichen. Es war ein Jahrhundert-Absturz.
Am Freitag habe ich Franz endlich wieder einmal getroffen. Zum ersten Mal nach 15 Jahren. Damals sah ich ihn in der Gemsstock-Seilbahn, in Begleitung von Bernhard Russi und Völk-Besitzer Gregor Furrer. Er war kurz zuvor zum Völkl-Chef ernannt worden. Jetzt kehrte er als CEO von Intersport International (Einzelhandels-Umsatz 14 Milliarden Franken) in den Zirkus zurück. Eingeladen von der FIS und magisch angezogen von seinen alten Kollegen. In den Jahren nach Max’ Olympiasieg und vor dem Aufstieg in den Business-Olymp, arbeitete Franz auch als Ski-Journalist mit unheimlichen Insider-Kenntnissen.
Es war schön, mit ihm zu sprechen. Und festzustellen, dass er der Gleiche geblieben ist. Erfolg muss nicht in den Kopf steigen.
Bun di!
Die Vielsprachigkeit der Schweiz zeigt sich hier in Val-d’Isère in geradezu wunderschöner Weise. Als Urs Lehmann, Präsident von Swiss Ski, am vergangenen Donnerstag bei einer Einladung im House of Switzerland sprach, sagte er in memoriam Didier Cuches Goldmedaille im Super-G nur einen Satz auf Deutsch: „Die Hauptsprache hier ist heute Französisch.“
Das wollten die Deutschsprachigen natürlich nicht auf sich sitzen lassen, am Samstag kämpfte sich deshalb Carlo Janka aufs Podest bei der Abfahrt. Zwar immer noch einen Rang hinter dem Welschen Cuche, aber es war ein deutliches Signal. Vielleicht klappt es morgen in der Super-Kombi dank Silvan Zurbriggen sogar noch zum Walliser Dialekt, der ja für ungeübte Ohren wie eine Mischung aus relativ viel verschiedenen Sprachen klingt.
Natürlich lag dazwischen noch die Silbermedaille der Tessinerin Lara Gut. Doch bei ihr ist die Sprache eigentlich egal, sie spricht nahezu alles, von ein paar speziellen chinesischen Dialekten abgesehen – und vom Rätoromanischen, das ja wiederum die Ursprache von Janka, dem gebürtigen Obersaxener, ist.
Was also wenn Janka Weltmeister wird? Dann wird man bei der Siegesfeier Duri Bezzola vermissen, den Vorgänger von Lehmann. Der Bündner aus Scuol hat nämlich seine Reden in allen vier Landessprachen gehalten. Bun di, chars amis!
06.2.2009
God save the Queen
Hilfe, die Skifahrer sterben aus! Der Ruf ist ernst gemeint. Untersuchungen des internationalen Skiverbandes FIS zeigen, dass in den Ländern, in denen Schnee eine Selbstverständlichkeit ist, immer weniger Kinder Ski- oder Snowboard fahren. Skifahren ist zu teuer, die Eltern sind immer öfter Einwanderer aus Ländern ohne Skitradition, das Angebot an Sportarten ist enorm, und überhaupt: Die Kinder werden sowieso immer dicker.
Deshalb hat die Fis eine Kampagne lanciert. „Bring Kids Back to the Snow“ heisst sie. Tourismus, Wintersport-Industrie, Versicherungen, Gesundheitsorganisation, das IOK, alle sollen mitmachen bei einer gigantischen Werbekampagne die Kindern zwischen 0 und 14 den Schnee schmackhaft machen soll. Spielen in Schnee ist das Ziel, der Rest kommt dann von ganz allein, wenn die wichtigste Forderung erfüllt wird: Gratis-Skipässe für Kinder bis 12.
Val d’Isère darf sich als Vorreiter sehen. Um die drohenden Lücken auf den Tribünen und am Rand der Piste zu schliessen, werden hier Schulklassen zuhauf eingeladen. 10 000 Schüler sollen die Möglichkeit erhalten, eines der Rennen zu sehen. Anfixen nennt man das.
Fis-Präsident Gian-Franco Kasper legt Wert auf die Feststellung, dass sich das Problem auf die Alpenländer beschränkt. Er war in den letzten Wochen bei den Snowboard-WM in Südkorea und hat gestaunt: „Dort sind die Lifte von acht Uhr morgens bis vier Uhr in der Nacht offen, und die Piste ist ständig gerammelt voll.“ Weil das ganze von ohrenbetäubender Musik untermalt gewesen sei, habe er kaum schlafen können.
Ski fahren ist offenbar nur dann noch interessant, wenn es exotisch ist. Das zeigt sich auch hier in Val d’Isère. Hier wird auf den Pisten englisch gesprochen. Und entsprechend gefahren. God save the Queen. And a little bit myself.
05.2.2009
Polierte Glatzen
Mit das Schönste an diesem Job ist die Tatsache, dass man bei der Besichtigung der Weltcup- und WM-Strecken dabei sein kann. Also auch Ziel-S und Mausefalle herunterrutschen darf. „Fahren“ wäre übertrieben, da machen die Kanten in vielen Fällen nicht mit. Denn die Pisten lassen eher an einen Gletscher denken denn an einen schönen Pulverschnee-Teppich.
Hier in Val-d’Isere ist das freilich ein zweifelhaftes Vergnügen. Denn es wurde soviel Wasser in die Piste gepumpt, dass selbst Trainer und Fahrer davon reden, es sei eine Grenze überschritten worden. Zuletzt war das in Flachau vor vier Jahren der Fall, als auf der total vereisten Riesenslalom-Strecke ein Rennen kaum vorstellbar war, die Norweger zogen die jungen Athleten zurück, „wir wollen nicht ihre Gesundheit ruinieren“, sagte der Chefcoach.
Jetzt also die vereise Face de Bellevarde. Eine „polierte Glatze“ nennt Ambrosi Hoffmann so etwas gerne. Wenn abends das Flutlicht eingeschaltet wird, glänzt die Piste als sei es ein Spiegel. Oben geht es noch, je weiter runter man aber kommt, umso härter wird es. Wenn einem dann sogar die Trainer, eigentlich zu jedem Schabernack bereit, empfehlen, manche Stelle lieber nicht zu besuchen, dann weiss man, was es geschlagen hat. Soll keiner sagen, er habe hier keine weichen Knie, wenn er zum Beispiel die schmale Schneise zwischen klotzigen Felsen verzweifelt mit den Kanten nach Halt sucht. Es ging auch diesmal wieder gut, aber Spass wars keiner. Gut, müssen andere hier im Schuss runterfahren.
04.2.2009
Pantomime statt Sprache
Wie stellt man pantomimisch ein Schliessfach dar? Wäre eine schöne Idee für den nächsten Spielabend, wenn „Activity“ auf dem Programm steht. Darum ging es aber nicht, es ging darum, im Pressezentrum an der Ski-WM in Val d’Isere ein Schliessfach zu bekommen. Und zwar für die Ski. Es ist empfehlenswert, die Bretter wegzuschliessen, da auch und gerade Journalisten nicht die besseren Menschen sind.
Wie also spielt man ein Schliessfach? Denn mit den vorhandenen Sprachen (Deutsch, Englisch) ist es hier in der Regel schwierig, vorwärts zu kommen. In der Schule besser aufpassen hätte auch nichts genützt, weil ich Latein statt Französisch gewählt hatte. Ein Fehler? Mag sein, aber jetzt ists zu spät.
Und schliesslich hilft einem Englisch in nahezu allen Fällen und wichtigen Ländern weiter, zumal im Pressezentrum bei Grossanlässen. Mit zwei Ausnahmen: China und Frankreich. Die Grande Nation genügt sich vor allem selbst, sollen sich doch andere abmühen, die fremde Sprache lernen oder dann halt einen Pantomimen-Kurs besuchen.
Schliessfach heisst übrigens „coffre“. Jetzt weiss ich es auch. Hab nachgeschaut. Genützt hat es nichts, es war kein coffre mehr frei.
03.2.2009